In der dritten Fundraising Glücksgeschichte erzählt Hemlut Liebs, Fundraiser der Evangelischen Landeskirche Württemberg und Herausgeber des Buches Fundraising Glücksgeschichten über ein Schild das Leben veränderte …
Ich könnte Ihre Großmutter sein – von Helmut Liebs
In der Regel schaut man schon gar nicht mehr hin, nimmt sie höchstens aus den Augenwinkeln wahr: obdachlose, versehrte, arme, bettelnde Menschen, die in der Fußgängerzone am Boden sitzen oder an einer Wand lehnen. Und noch weniger liest man, was auf den Pappschildern geschrieben ist, die oft kaum postkartengroß im Hut liegen oder vor einem leeren Kaffeebecher stehen.
Anders seit einiger Zeit in Paris. Ein Mütterchen hockt auf einer Kiste und hält selbstbewusst einen großen Pappkarton vor sich, auf dem zu lesen ist: „Ich könnte Ihre Großmutter sein“. Das wirkt. Das Mütterchen hat seitdem erheblich höhere Einnahmen. Und weil sich so etwas in der Szene schnell herumspricht, wollen plötzlich alle Obdachlosen ein solches Schild. Natürlich mit einem anderen Spruch und mindestens ähnlich originell. „Wer hat Dir dieses Schild gemalt?“ Antwort: Joël Catherin.
Wer ist Joël Catherin? Die Financial Times Deutschland – daher habe ich diese Glücksgeschichte – erzählt: Der 42jährige ist ein erfolgreicher Wirtschaftsanwalt, zu Hause in der Welt der Reichen, Schönen und Privilegierten. Doch eines Abends wird er jäh aus dieser Welt gerissen. Wie immer, wenn er in sein luxuriöses Appartment heimkehrt, sieht er eine Obdachlose auf einem Lüftungsschacht gegenüber seiner Wohnung der Kälte trotzend. Doch an jenem Abend sieht er sie anders, sieht er sie neu, sieht in ihr auf einmal das Abbild seiner Großmutter, eine Kleinbäuerin. Diese Bettlerin könnte meine Großmutter sein, durchfährt es ihn. Das lässt ihn nicht mehr los. Er setzt sich hin und malt auf einen großen Karton in schönster Schreibschrift den Satz „Ich könnte Ihre Großmutter sein“– und gibt ihr den Karton. Damit nimmt eine Geschichte ihren Lauf, die zur Folge hat, dass Catherin auf jede neuerliche Anfrage hin Schild um Schild malt, darüber hinaus den Bettelnden Essen gibt und zudem Fälle pro bono übernimmt. Darüber berichten alsbald nicht nur diverse Zeitungen, sondern der Regisseur Bernhard Tanguy dreht darüber auch den Kurzfilm „Je pourrais être votre grand-mère“.
Die Schilder, jedes mit einem neuen Spruch, sollen „bei den Passanten etwas wecken, von dem sie vielleicht vergessen haben, dass es existiert: Mitgefühl und Solidarität“, erklärt Catherin. Dafür braucht es eine eindringliche Ansprache. Eine Ansprache, die mit Sätzen wie „Auch ich habe meine Geschichte“ oder „All we need is love + 1 Euro“ und „Was wäre ich ohne Dich/Dach (toi/t)“ gelingt. Mehr als 200 Schilder hat Joël Catherin inzwischen gemalt.
Fazit: Wird des Menschen Herz gerührt, folgt die Hand wie von selbst.
Weitere „Fundraisingglücksgeschichten“ gibt es in dem soeben erschienenen gleichnamigen Buch; herausgegeben von Helmut Liebs, Fundraiser der Evangelischen Landeskirche in Württemberg; erhältlich im Webshop des Evangelischen Medienhauses. 50 Cent jedes verkauften Buches gehen an die Stiftung der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.
Schlagworte: fundraising, Glück, helfen, Kreativität, Mut, texten

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